Taiji Bailong Ball – Eine Trend-Sportart aus China erobert die Welt

Der folgende Artikel wurde in „Gymnastik“, Ausgabe Juni 2018 veröffentlicht:

Auf dem Turnfest 2017 in Berlin konnten die Teilnehmer und Besucher die Trend-Sportart Taiji Bailong Ball (TBB) – Roliball kennenlernen. Der Präsident der TBBA (Taiji Bailong Ball Assoziation e. V.), Xiaofei Sui, informierte und präsentierte diese in Europa etablierte Ballsportart. Der Spaß und die Lebensfreude eines jeden Ballspiels werden kombiniert mit der Geschmeidigkeit und Energetik des Taiji. TBB begeistert Kinder, Jugendliche und Erwachsene jeden Alters unabhängig von der körperlichen Konstitution.

Zur Entwicklung der Sportart

Taiji Bailong Ball ist eine in der Gegenwart entwickelte Ballsportart mit Taiji-Charakter.

Der Erfinder des TBB, Prof. Bai Rong, hat Sportwissenschaften an der Shanxi Universität studiert, ist langjähriger Trainer zahlreicher Spitzensportler und Professor für Sportwissenschaften. Die von Prof. Bai Rong gegründete Arbeitsgruppe legte den offiziellen Namen der Sportart als Taiji Rouliqiu (Taiji mit elastischer Kraft) fest. später, zur besseren internationalen Akzeptanz, verlieh man der neuen Ballsportart zunächst den Namen Taiji Bailong Ball, mittlerweile hat sich international die Bezeichnung Roliball durchgesetzt.

In mehrjähriger Forschungsarbeit entwickelte Rong das notwendige Equipment, einen Fänger (Racket) und einen Ball. Bei den meisten Ballsportarten befördert man den Ball mit einem Schläger oder einer Handtechnik linear zum Gegner. Dabei wird der Ball punktuell getroffen. Beim TBB ist es grundsätzlich anders. Soll der Ball fortbewegt werden, so geschieht dies durch eine Ganzkörperbewegung, die aus der inneren Taiji-Kraft resultiert. Beim Multiplay fängt man den zugespielten Ball mit dem Fänger mittels einer kreisförmigen Bewegung und elastischer Handtechniken ein und am Ende der kreisförmigen Bewegung verlässt der Ball den Fänger (durch die Fliehkraft) – er wird abgespielt.

Das spezifische an dieser Sportart ist, dass der Fänger den Ball lange begleitet. Es hat den Anschein, als ob der Fänger den Ball anzieht. Beim Solo-Play oder Freestyle führt man z.B. elementare Taiji-Bewegungen mit dem Fänger aus und bewegt dabei den Ball kreis- bzw. spiralförmig um sich.

Das Equipment
Beim TBB benutzt man einen besonderen mit einer Gummifläche bespannten Fänger und spielt einen mit etwas Sand gefüllten Ball. Das Gewicht des Rackets hängt vom Material des Rahmens ab.

Entsprechend der Bespannungshärte des Rahmens gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsgrade bei der Beherrschung des TBB-Sports. Der Ball hat ein Gewicht von ca. 55 g, der Durchmesser betragt 65 mm. Er ist als Filz-, Leder- oder Gummiball erhältlich.

Zur Philosophie

Das wissenschaftliche Forschungsinstitut des chinesischen Sportministeriums äußerte sich zur neuen Sportart sinngemäß: TBB offenbare durch seine Bewegungsart die Taiji-Prinzipien und könne damit einen Beitrag leisten zur
Lebendigmachung der chinesischen traditionellen und kulturellen Werte in der modernen Gesellschaft.
Die harmonischen Bewegungen beim TBB-spiel entfalten sich immer von innen nach außen. Deshalb beginnt jede äußere Bewegung im Zentrum (Dantien) und ist von außen als physiologische Bewegung wahrnehmbar.
Die innere Bewegung ist die des Geistes und des Qi (Lebensenergie).
Der TBB-Spieler kann so subtil erfassen, dass Energie und Materie zwei Seiten einer Medaille sind (Energie ist Welle und Teilchen zugleich).
TBB-Bewegungen sind ein Weg, direkt mit Qi zu arbeiten und so aktive Lebenspflege und Persönlichkeitsentwicklung zu betreiben. Damit ist TBB ein vorzüglicher Weg zur Gesundheitsprophylaxe. Die äußerliche Form ist vergleichbar z.B. mit Tennis, aber die Idee hinter der neuen Ballsportart ist das Taiji-Prinzip (Loslassen/Entspannen; aufbauen/starken; ausrichten/Integration), weshalb von einer Verschmelzung westlicher Spielart mit östlicher Philosophie gesprochen werden kann. Der interessierte Leser findet spezifische Informationen im Buch von Xiaofei Sui Kraft und Entspannung mit der Trend-Sportart aus China.
Spielvariationen
Einzelspieler-Variante (Solo Play, Freestyle):
Der TBB-Spieler genügt sich selbst. im Basiskurs lernt er den Ball zu führen und zu beherrschen. Er braucht keinen Spielpartner, denn das Repertoire an Bewegungen ist so vielfältig, dass auch das Spiel mit sich selbst zum Ziel führt, nämlich Körper, Psyche und Geist zu regulieren, zu harmonisieren oder gesundheitliche Probleme zu verbessern.
Als Einzelspieler kann man TBB mit Musik als besondere Gymnastik üben. Die geschickten Bewegungen können variabel als Tanzform oder Übungsabfolge choreographiert werden.
Mehrspieler-Variante (Multi – Play):
Zu zweit: Ob auf dem Spielfeld oder einfach auf der grünen Wiese – das Spiel mit einem Partner bringt einen beziehungsdynamischen Prozess in Gang, der die Aufmerksamkeit und Konzentration fordert. Flexibles miteinander, egal ob im Wettkampf oder als unterhaltsames Spiel zweier Einzelspieler mit einem gemeinsamen Ball, schult u. a. die Kreativität.
Im Doppel:
TBB ist auch ein Mannschaftssport. Je zwei Spieler auf einer Seite des Spielfeldes agieren nach vorgegebenen Regeln. Der Ball darf auch dem Teampartner zugespielt werden, was die Spielvarianten noch abwechslungsreicher macht. abreagieren, austoben, auspowern, siegen – das geht auch mit Taiji Bailong Ball. nur der Weg zum sportlichen Hochgefühl unterscheidet sich von anderen Sportarten.
Im freien Spiel: Die Spielmöglichkeiten sind geradezu unerschöpflich. Mehrere Spieler können sich in beliebiger Aufstellung wie Kreis etc., einen oder mehrere Bälle einander zuspielen – nach eigenen Regeln, an beliebigen Platzen. So kann man ein einzigartiges Harmonie- Erlebnis und eine sportliche Aktivität, die den ganzen Körper einbezieht, erreichen.
Zu theoretischen Aspekten von TBB
Als Teilnehmer der 1. internationalen Taiji Bailong Balltrainerausbildung geleitet von Prof. Bai Rong im Mai 2005 im Laoshan-Zentrum in China konnten wir erleben, dass Fitness und entspannte, natürliche, großzügige sowie ästhetische Bewegungen kein Widerspruch sind. Harmonie und Balance sind das Ergebnis dualer Prozesse, auf die jede Dynamik/Bewegung angewiesen ist. Beim TBB sind solche Polaritäten (Yin – Yang-Prinzip) brisant: Entspannung/Anspannung; langsam/schnell; Entschleunigung/Beschleunigung; links/rechts; Entlastung/ Belastung; Gegenschwung/Richtungsschwung.
In den Erscheinungen der Natur und in fast allen Manifestationen des Lebens (bei Menschen, Tieren, Pflanzen) sind solche Bipolaritäten existent.
Bipolaritäten sind das zentrale Prinzip der rhythmischen Spiralkinetik. Der Aufbau unseres Körpers ist von Spiralstrukturen geprägt. in der Formgebung z. B ist unser Herz die Resonanz der inneren Pulsation des Blutes, seine Fasern winden sich in Spiralstrukturen von oben nach unten bis in die Herzspitze. Drehwirbel prägen den Aufbau des Herzens.
Ebenso weist die Wirbelsäulen-Bein-Achse einen spiralförmigen Aufbau auf und entspricht in ihren Beuge-, Streck- und Drehbewegungen dem Prinzip einer Sprungfederspirale. Die Wirbelsäulen-Bein-Achse schwingt im Wechsel zwischen Kompression und Expansion, zwischen Anspannung und Entspannung.
Die Bewegungsabläufe entlang der Wirbelsäulen-Beinachse entsprechen den Prinzipien der dreidimensionalen ausgerichteten Spiralfeder: in jeder vorderen, komprimierten Landungsphase (touch down) wird Energie gespeichert, um sie dann anschließend über die entfaltete Sprungfeder (push off) abzugeben und in Bewegung umzusetzen. Potentielle Lageenergie wird so in kinetische Bewegungsenergie umgesetzt, Phasen der Anspannung und Entspannung wechseln sich im Sinne der Bipolaritäten einander ab, – das bezieht sich auch auf die Muskeln, die die Knochen umgeben. Anspannung und Entspannung verleihen dem Muskelmotor die nötige Energie, die Voraussetzung für Bewegung in all ihren Erscheinungsformen ist.
Wenn gegensätzliche Schwingungsebenen in ihrer Zeiträumlichen Ausdehnung deckungsgleich sind, ruht die spirale im Gleichgewicht. schon kleinste Irritationen sorgen für Dysbalancen im zentralen achsenverlauf der spirale. Ausgewogenheit und innere Balance werden gewährleistet, wenn für jede Schwingungsebene die
notwendige Zeit und der entsprechende Raum zur Verfügung stehen. ist die Körperstruktur im Gleichgewicht, kann Jin (elastische kraft) infolge von Krafteinwirkung (Schwerkraft und kraft vom Mitspieler) entstehen.
Beim TBB ist das Zusammenspiel von Funktionseinheiten von Bedeutung, z.B. wie das Becken aufgerichtet ist und es die Kräfte in den Fuß oder den Arm schickt; wie der Fuß steht oder der arm gehalten wird und die Kräfte aufnimmt oder zurückgibt.
Hier zeigt sich das Zusammenspiel von Struktur und Energie.
Eine zentrale Stellung beim TBB hat die Kua – eine Funktionseinheit, deren materieller Bestandteil aus Knochen, Gelenken, Muskeln, Sehnen und Bändern besteht, während deren energetischer Bestandteil aus den Meridianen, die
das Gebiet durchziehen und dem unteren Dantien besteht. Zur Kua gehören: u.a. die unteren Lendenwirbel, Kreuzbein, Beckenschaufeln und Hüftgelenke, Oberschenkelknochen, Lendendarmbeinmuskeln, Muskeln des Beckenbodens und
die Adduktorenmuskeln.
Nichts im Körper ist isoliert. Die Lendendarmbeinmuskeln z B. verbinden die Lendenwirbel mit dem Becken und den Oberschenkelknochen genauso wie die Adduktoren das Becken mit den Oberschenkelknochen verbinden. Der Vorfuß bildet mit dem Oberschenkelkopf eine Bipolarität: die innenspirale des Vorfußes bewirkt eine Innenrotation des Unterschenkels, die zusammen mit der durch die Aufrichtung
des Beckens bedingten Außenrotation des Oberschenkels eine spiralige  Verschraubung im Bein zur Folge hat – daraus entsteht die innere dynamische kraft.
TBB-Sportler nutzen bewusst Spiralbewegungen, z.B. durch das Drehen der Hüfte mit Gleichgewichtsverlagerung von einer Seite zur anderen. Es ist wichtig, dass der Schwerpunkt des Körpers während des Gewichtswechsels weder steigt noch sinkt. Die Lendenwirbelsäule ist stets aufgerichtet. Hüfte, Knie und Knöchel sind aufeinander abgestimmt. Die Gewichtsverlagerung erfolgt gleichmäßig, rhythmisch
als fließende Bewegung.
Der Darmbeinkamm ist parallel zum Boden, ein Auf- und Abschaukeln wird vermieden. Prof. Bai Rong verweist immer wieder auf die Wichtigkeit der Yao-Kraft (Drehbewegung der Hüften). Bei jeder Bewegung wird die Einheit von Rumpf
und Wirbelsäule bewahrt. Die Kraft kommt vom Yao, wird über die Wirbelsäule in die Arme geleitet und auf den Fänger übertragen. Der Fänger ist Verlängerung des Armes.
Beim TBB-Spiel wird das Bewegungsprinzip der Veränderung von leer zu voll und von voll zu leer realisiert. Ob bei der Aufwärmform oder den Standardformen – stets müssen die Schultern entspannt sein (nie hochgezogen) und die Ellenbogengelenke
weitestgehend gedehnt und geöffnet. Unabhängig von der Spielvariante, für die man sich entscheidet, sind zahlreiche Vorbereitungsübungen zu absolvieren.
Vorzüge von TBB
■ Gesundheitsfördernde und therapeutische Wirkung nach der traditionellen Chinesischen Medizin
■ Ganzheitliche und gleichmäßige Körperertüchtigung von Kopf bis Fuß
■ Gelenkschonende und -pflegende Bewegungen
■ spielende Gewichtsabnahme
■ Pädagogische Wirkung und Bereicherung der Denkstruktur
■ Physische und psychische Entspannung
■ Stärkung des eigenen Körperbewusstseins und der Körperempfindung
■ Geeignet für die ganze Bevölkerung mit verschiedenen körperlichen Voraussetzungen
■ Spielqualität in allen Altersstufen unabhängig von der Leistungsfähigkeit
■ Geschicklichkeit, Konzentration, Eleganz
■ Philosophisch begründete Sportart mit Bewegungsformen des Taiji
■ Lasst der eigenen Kreativität und Improvisation freien Lauf
■ Wettkampf- und Wettbewerbsfähigkeit
■ kostengünstig und geringe Platz- und Materialanforderungen
■ spielbar im indoor- und Outdoor-Bereich
Wirkung des TBB
■ Stressbewältigung
■ Reduktion von Bluthochdruck und Herzfrequenz (Senkung des Infarktrisikos)
■ Kräftigung bzw. Vergrößerung des Herzmuskels und Verbesserung des Herzminutenvolumens
■ Optimierung der Sauerstofftransportkapazität des Blutes
■ Zunahme der Muskulatur
■ Entlastung des Stütz- und Bewegungsapparates bei Reduktion des Körpergewichts
■ Verbesserung der Knochendichte mit vermindertem Osteoporoserisiko
■ Stimulierung des Immunsystems
Fazit
Dass TBB für den Breiten-, Freizeit- und Gesundheitssport geeignet ist, in die Fort- und Weiterbildungen für Sportlehrer aller Schultypen bzw. der Gymnastiklehrer genauso wie ins Ausbildungscurriculum von Trainern für Rehabilitation
integriert werden musste und zusätzlich für jeden Qi Gong oder Tai-Chi-Lehrer bzw. Physio- und Ergotherapeuten eine Bereicherung ist, erkennt man an den Eigenschaften und Vorteilen dieser in China sehr beliebten Sportart. Es bleibt zu hoffen, dass der Deutsche Turnerbund (DTB) und die LTV in Verbund mit der DTB-Akademie ihren Blick auf TBB bzw. Roliball richten und das speziell für den fachlichen Schwerpunkt Offensive Kinderturnen.
Das integrieren der TCM (traditionale Chinesische Medizin) in die Tanz-Medizin kann wesentlich zur Optimierung und Anpassung von Lernprozessen in einer sich wandelnden Tanzkultur, sei es im klassischen, modernen oder zeitgenössischen Tanz beitragen. Es wäre ein wichtiger Beitrag zur Verbindung von Praxis und Theorie, die im Rahmen der Tänzerausbildung diskutiert wird.
Die Autorin
Dr. Edeltraud Richter (Jahrgang 1944) absolvierte die Ausbildung zur TBB-Trainerin 2005 bei Prof. Bai Rong in China. als Psychologische Psychotherapeutin und Heilpraktikerin leitet sie das Gesundheitscenter Chi in Suhl. Ihre über zwanzigjährige Erfahrung als Qi Gong- und Yogalehrerin integriert sie in das Therapiesystem der
traditionellen Chinesischen Medizin. Weitere Informationen: www.gesundheitscenter-chi.de auf der Internetseite www.taijiball.com(*) findet man die aktuellen Informationen integral der Listen der bereits für acht Lander ausgebildeten und zertifizierten Trainer und Assistenten.
(*) Anmerkung: die Seite ist umgezogen zu www.bailongball.com

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